Wie eine Gondel entsteht: Die geduldige Arbeit der venezianischen Bootsbauer

Giacomo Berto • June 10, 2026

In Venedig gibt es Orte, an denen traditionelle Handwerkskunst noch heute lebendig ist. Einer davon ist der Squero, die Werft, in der seit Jahrhunderten Gondeln gebaut und repariert werden.

Als ich zum ersten Mal einen Squero betrat, fiel mir vor allem der Duft des Holzes auf. Ich hatte erwartet, fertige Gondeln zu sehen, die bereit waren, ins Wasser gelassen zu werden. Stattdessen sah ich Holzplanken an den Wänden, vom Gebrauch gezeichnete Werkzeuge und Handwerker, die sich auf Maße und Details konzentrierten, die mir beinahe unsichtbar erschienen.

Ein Mosaik aus verschiedenen Holzarten

Eine Gondel entsteht aus vielen einzelnen Bauteilen, von denen jedes eine bestimmte Aufgabe erfüllt.

Für ihren Bau werden verschiedene Holzarten verwendet, darunter Eiche, Lärche, Linde, Walnuss, Kirschholz und Tanne. Einige sorgen für Stabilität, andere für Elastizität oder Leichtigkeit.

Am Ende besteht eine moderne Gondel aus mehr als 280 von Hand gefertigten und montierten Teilen.

Der Squero – eine Werkstatt am Wasser

Noch heute werden Gondeln in den traditionellen Squeri gebaut. Diese Werften erkennt man an ihrer schrägen Rampe, die zum Kanal hinunterführt und den Bau sowie den Stapellauf der Boote ermöglicht.

Jahrhundertelang entstanden hier nicht nur Gondeln, sondern auch Sandoli, Mascarete, Caorline und viele weitere typische Boote der Lagune.

Eine Form, bis ins Detail durchdacht

Aus der Ferne wirkt eine Gondel vollkommen ausgewogen. Aus der Nähe erkennt man jedoch eine interessante Besonderheit: Sie ist nicht vollständig symmetrisch.

Die linke Seite ist etwas breiter als die rechte. Dieser Unterschied gleicht die Kraft des Gondoliere aus, der nur auf einer Seite rudert. Diese über Jahrhunderte entwickelte Lösung ermöglicht eine gleichmäßige Fahrt mit nur einem Ruder.

Hinter ihrer Eleganz verbirgt sich daher eine lange Geschichte technischer Weiterentwicklung.

Die letzten Elemente

Sobald der Rumpf fertiggestellt ist, werden die letzten Bauteile angebracht.

Dazu gehört das charakteristische Eisen am Bug, das nicht nur das Erscheinungsbild prägt, sondern auch zum Gleichgewicht der Gondel beiträgt. Anschließend werden die Forcola, das Ruder, die Sitze und alle weiteren Elemente montiert.

Ein Handwerk über die Jahrhunderte hinweg

Der Bau einer Gondel dauert normalerweise mehrere Monate.

Jedes Exemplar wird vollständig von Hand gefertigt und an den Gondoliere angepasst, der es nutzen wird. Deshalb gleicht keine Gondel exakt der anderen.

Bis heute bewahren die venezianischen Bootsbauer ein Wissen, das die Zeit der Serenissima, die Einführung von Motorbooten und die Veränderungen der modernen Stadt überdauert hat.

Wenn eine neue Gondel zu Wasser gelassen wird, geht nicht einfach nur ein weiteres Boot in Betrieb. Es wird eine jahrhundertealte Tradition fortgeführt, die auf Holz, Geduld und handwerklichem Können basiert.

Wenn Sie das nächste Mal eine Gondel durch einen Kanal gleiten sehen, fragen Sie sich vielleicht, wie viele Hände, wie viele Jahre Erfahrung und wie viel Geschichte hinter dieser unverwechselbaren Silhouette stehen.

In der Gondola Gallery am Campo San Gallo begleitet Sie ein immersives Virtual-Reality-Erlebnis auf einer Reise durch die Jahrhunderte und zeigt, wie sich die Gondel entwickelt hat und wie venezianische Handwerker sie bis heute bauen. Eine andere Art, die Gondel kennenzulernen – nicht nur als Symbol Venedigs, sondern als eine der lebendigsten Traditionen der Stadt.


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